Wofür lohnt es sich zu leben? Diese Frage klingt zunächst philosophisch. Doch eigentlich beantworten wir sie jeden Tag. Mit unserer Zeit, unseren Sorgen und Träumen. Und besonders mit den Dingen, die wir auf keinen Fall verlieren wollen.
Paulus beantwortet diese Frage in Philipper 1,12-26 unter ungewöhnlichen Umständen. Er sitzt im Gefängnis und weiß nicht, wie sein Prozess ausgehen wird. Trotzdem kreisen seine Gedanken erstaunlich wenig um die Frage, wie er möglichst schnell sein altes Leben zurückbekommt. Stattdessen beurteilt er seine Situation eher dadurch, was sie für Jesus und das Evangelium bedeutet.
Paulus kann so denken, weil Jesus für ihn nicht nur ein wichtiger Bestandteil seines Lebens ist. Christus ist sein Leben. Das verändert seinen Blick auf Erfolg und Scheitern, Freiheit und Gefangenschaft – sogar auf Leben und Tod.
1. Lebe dafür, dass Jesus bekannt wird
Die Christen in Philippi machen sich Sorgen um Paulus. Was bedeutet seine Gefangenschaft für die Ausbreitung des Evangeliums?
Paulus gibt eine überraschende Antwort. Sie hat das Evangelium nicht aufgehalten. Im Gegenteil. Was mit ihm geschehen ist, hat „zur Förderung des Evangeliums“ beigetragen (V. 12).
In seinem Umfeld wird bekannt, dass Paulus um Christi willen gefangen ist. Gleichzeitig werden andere Christen durch seine Situation ermutigt, selbst mutiger von Jesus zu reden. Was die Mission scheinbar behindert, gebraucht Gott zu ihrem Fortschritt.
Paulus’ Fesseln stoppen die Mission nicht. Gott macht sie zu einem Teil davon. Gottes Möglichkeiten sind größer als Paulus’ Einschränkungen.
Doch nicht alle, die Jesus Christus verkündigen, tun das aus guten Motiven. Einige handeln aus Liebe, andere aus „Neid und Streitsucht“ (V. 15). Sie wollen sich profilieren und Paulus sogar zusätzlich verletzen. Trotzdem schreibt er:
„Jedenfalls wird auf alle Weise […] Christus verkündigt, und darüber freue ich mich.“ (V. 18)
Paulus sind Wahrheit und Motive nicht gleichgültig. Wenn das Evangelium selbst verdreht wird, reagiert er an anderer Stelle ausgesprochen deutlich. Hier aber ist die Botschaft richtig, während die Motive falsch sind. Deshalb kann Paulus sündige Motive ablehnen und sich trotzdem darüber freuen, dass Jesus verkündigt wird.
Das ist schon bemerkenswert. Denn wir vergleichen uns schnell mit anderen: Wer ist erfolgreicher? Wer bekommt Anerkennung? Wer wird gesehen? Der Erfolg eines anderen kann sich dann wie eine Bedrohung anfühlen.
Paulus dagegen ist erstaunlich frei davon. Sein eigener Name muss nicht groß werden, solange der Name Christi bekannt wird.
Warum kann er so leben?
Nicht weil er sein Ego perfekt unter Kontrolle hätte. Sondern weil Jesus nicht nur sein Thema, sondern sein Retter ist. Christus ist für unsere Sünden gestorben und auferstanden. Wer ihm vertraut, muss seinen Wert vor Gott nicht durch Erfolg, Leistung oder Anerkennung verdienen. In Christus werden wir aus Gnade angenommen.
Das Evangelium befreit uns deshalb davon, ständig unseren eigenen Namen groß machen zu müssen.
Diese Freiheit verändert auch unseren Blick auf schwierige Lebenssituationen. Vielleicht befinden wir uns in Umständen, die wir uns nicht ausgesucht hätten. Krankheit, beruflicher Druck, familiäre Belastungen oder eine Phase, in der wir uns ausgebremst fühlen. Schnell denken wir: Wenn das endlich vorbei ist, kann ich wieder richtig leben. Wenn es ruhiger wird, kann ich Gott wieder besser dienen.
Paulus eröffnet eine andere Perspektive: Wie kann Christus auch hier sichtbar werden?
Das bedeutet nicht, Leid schönzureden oder aus jeder schwierigen Situation möglichst viel geistlichen Nutzen herausholen zu müssen. Es bedeutet, Gott zuzutrauen, dass seine Möglichkeiten größer sind als unsere Einschränkungen.
Vielleicht wird Christus gerade darin sichtbar, wie wir mit Schwäche umgehen, um Vergebung bitten, unter Druck Hoffnung bewahren oder ehrlich eingestehen, dass wir nicht alles im Griff haben.
Wir müssen nicht auf ein anderes Leben warten, um Gott dienen zu können.
2. Lebe dafür, dass Jesus groß wird
Ab Vers 18 richtet Paulus seinen Blick auf die Zukunft. Sein Prozess könnte mit seiner Freilassung enden – oder mit seinem Tod.
Seine größte Hoffnung besteht jedoch nicht darin, unbedingt freizukommen. Sein Wunsch ist, dass Christus an ihm hochgepriesen und verherrlicht wird, „es sei durch Leben oder durch Tod“ (V. 20). Jesus soll durch Paulus als groß und kostbar sichtbar werden. Unabhängig davon, wie seine Geschichte ausgeht.
Dabei vertraut Paulus nicht auf seine eigene Stärke. Er spricht ausdrücklich von den Gebeten der Philipper und von der Hilfe des Geistes Jesu Christi. Christliche Standhaftigkeit bedeutet nicht: Ich muss mich nur genügend zusammenreißen. Wir sind abhängig von Gottes Wirken und der Fürbitte anderer Christen.
Dann folgt der Satz, der den ganzen Abschnitt auf den Punkt bringt:
„Denn für mich ist Christus das Leben, und das Sterben ein Gewinn.“ (V. 21)
Wenn Paulus lebt, gehört sein Leben Christus. Wenn er stirbt, kommt er zu Christus. Deshalb kann Jesus sowohl durch sein Leben als auch durch seinen Tod verherrlicht werden.
Paulus ist nicht lebensmüde. Er verachtet dieses Leben nicht. Weiterzuleben bedeutet für ihn „fruchtbare Arbeit“ (V. 22). Er möchte anderen dienen und die Philipper in ihrem Glauben stärken.
Und trotzdem schreibt er:
„Mich verlangt danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre.“ (V. 23)
Der Tod ist für Paulus nicht deshalb Gewinn, weil der Tod an sich gut wäre. Die Bibel nennt ihn einen Feind. Aber Christus hat diesen Feind besiegt. Für den Christen bedeutet Sterben deshalb, bei Christus sein.
Wenn wir an das ewige Leben denken, freuen wir uns vielleicht darauf, dass es dort keine Krankheit, keine Schmerzen und keine Tränen mehr geben wird. Doch im Zentrum der christlichen Hoffnung steht noch etwas Größeres: Wir werden bei Jesus sein.
Gerade diese Hoffnung macht Paulus nicht gleichgültig gegenüber seinem Leben hier und jetzt. Weil seine Zukunft bei Christus sicher ist, kann er sein gegenwärtiges Leben für andere einsetzen. Er möchte bleiben, damit die Philipper im Glauben wachsen und sich immer mehr an Jesus freuen.
Damit stellt Gottes Wort auch uns eine Frage. Paulus sagt: „Christus ist mein Leben.“
Was würden wir einsetzen: Familie? Kinder? Beruf? Gesundheit? Anerkennung? Sicherheit?
All das können gute Gaben Gottes sein. Gefährlich werden sie, wenn sie uns geben sollen, was nur Christus geben kann: unsere tiefste Identität, Sicherheit und Hoffnung.
Vielleicht merken wir dabei, dass Jesus für uns nicht immer der größte Schatz ist. Die Antwort darauf lautet aber nicht, sich mehr anzustrengen und Jesus endlich mehr zu lieben.
Das Evangelium richtet unseren Blick zuerst darauf, wie sehr Jesus uns geliebt hat.
Wenige Verse später beschreibt Paulus, wie Jesus sich selbst erniedrigte und bis zum Tod am Kreuz gehorsam wurde. Paulus lebt nicht für einen Herrn, der aus sicherer Entfernung Hingabe fordert. Er gehört dem Retter, der sich zuerst für ihn hingegeben hat.
Jesus nahm am Kreuz den Platz von Sündern ein. Er trug unsere Schuld und unser Gericht und ist auferstanden. Wer ihm vertraut, gehört ihm deshalb im Leben und im Sterben.
Darum verändert das Evangelium unsere Prioritäten. Nicht bloßer Druck oder nackte Regeln erneuern unser Herz. Gott wirkt durch sein Wort und seinen Geist, indem er uns Jesus immer kostbarer macht und uns lehrt, aus seiner Gnade zu leben. Je größer Christus für uns wird, desto mehr verlieren Erfolg, Anerkennung und Sicherheit ihren Anspruch darauf, unser höchstes Gut zu sein.
Darum lautet die Antwort auf unsere Ausgangsfrage: Es lohnt sich, für Jesus Christus zu leben.
Nicht damit wir dadurch Gottes Liebe verdienen. Sondern weil Christus uns zuerst geliebt und sich für uns hingegeben hat. Deshalb dürfen wir dafür leben, dass Jesus bekannt wird und durch unser Leben sichtbar wird, wie groß und kostbar er ist.
Und wenn uns dafür die Kraft fehlt, beginnt der Weg nicht mit unserer Kraft, sondern mit einem neuen Blick auf Christus. Auf den Gekreuzigten, der sich für uns hingegeben hat; auf den Auferstandenen, der den Tod besiegt hat; und auf den Herrn, bei dem wir eines Tages sein werden.
Unser Leben findet sein höchstes Ziel darin, dass Jesus Christus darin bekannt und als groß sichtbar wird.
Zum Weiterdenken
und Austauschen
- Was hindert dich daran, offen von Jesus zu sprechen? Wo schweigst du aus Angst vor Ablehnung, Unbeholfenheit oder davor, was andere über dich denken könnten? Und welche Wahrheit über Jesus müsste für dich in diesem Moment größer werden? Lest gemeinsam Apg 4,29.31.
- Wenn jemand dein Leben beobachtet: Inwieweit könnte er daran erkennen, dass Jesus für dich wirklich eine gute Nachricht ist? Könnte es sein, dass andere Jesus nicht nur durch deine Stärke kennenlernen sollen, sondern auch dadurch, wie du in deiner Schwäche auf seine Gnade angewiesen bist? Lest gemeinsam 2. Korinther 4,7.
- Was würdest du einsetzen, wenn du den Satz „_____ ist mein Leben“ ehrlich vervollständigst? Was fürchtest du besonders zu verlieren? Und was sagt diese Angst möglicherweise darüber, was für dich „Leben“ geworden ist? Lest gemeinsam Galater 2,20.
- Was wäre für dich in einer schwierigen Situation wichtiger: dass sie gut für dich ausgeht – oder dass Jesus darin groß wird? Wie könnte sich verändern, wenn du neben „Herr, ändere meine Situation“ auch betest „Herr, verherrliche Jesus in meiner Situation“? Lest gemeinsam Römer 14,7-8.
Die Predigt zum Thema
Du willst tiefer einsteigen? Dieser Blogartikel ist eine Zusammenfassung der Predigt „Wofür lohnt es sich zu leben?“ über Philipper 1,12-26 aus der Reihe „Freude, die trägt – Gemeinsam aus dem Evangelium leben“.