Manchmal sieht von außen alles nach Neuanfang aus. Und doch liegt das eigentliche Problem tiefer.
Nach einem Hochwasser kann ein Haus aufwendig renoviert werden. Neue Wände, neue Böden, neue Möbel. Alles sieht wieder gut aus. Doch dann wird hinter einer frisch renovierten Wand Feuchtigkeit oder Schimmel entdeckt. Der sichtbare Schaden war beseitigt, aber das tiefere Problem war noch da.
An einem ähnlichen Punkt steht Gottes Volk in Esra 9.
Die Israeliten waren aus dem Exil zurückgekehrt. Der Tempel war wieder aufgebaut. Der Gottesdienst hatte neu begonnen. Esra war als Priester und Schriftgelehrter nach Jerusalem gekommen, um Gottes Wort zu lehren. Alles sah nach einem gelungenen Aufbruch aus.
Doch dann wird sichtbar, dass das tiefste Problem des Volkes nie Babylon war. Es war das eigene Herz.
Ein neuer Ort, ein neuer Tempel und ein neuer Anfang konnten dieses Herz nicht verändern. Es brauchte Umkehr. Und letztlich einen Retter, der mehr tun konnte, als nur die äußeren Verhältnisse zu verändern.
1. Erkenne deine Schuld
Esra erfährt, dass viele Israeliten Ehen mit Menschen aus den umliegenden Völkern eingegangen sind. Selbst Priester und führende Männer sind beteiligt. Esra ist erschüttert. Er zerreißt seine Kleider, rauft sich Haare aus und sitzt bestürzt da.
Dabei ist wichtig zu verstehen, worin die Sünde bestand.
Das Problem war nicht die ethnische Herkunft der Ehepartner. Das Alte Testament kennt selbst Menschen wie die Moabiterin Rut, die zum Gott Israels umkehrt und vollständig in sein Volk aufgenommen wird. Wenn Esra 9 vom „heiligen Samen“ (V. 2) spricht, geht es nicht um rassische Reinheit. Heilig bedeutet von Gott ausgesondert und ihm zugehörig.
Das Problem war geistliche Untreue. Gott hatte sein Volk ausdrücklich vor Verbindungen gewarnt, die es zur Anbetung anderer Götter führen würden (z.B. 5. Mose 7,3-4). Genau diese Untreue hatte Israel bereits ins Exil geführt. Und nun öffnete das Volk erneut dieselbe Tür.
Das zeigt eine grundlegende Funktion von Gottes Wort. Es informiert uns nicht nur. Es deckt auf.
In Esra 9,4 versammeln sich Menschen um Esra, die vor Gottes Wort „zittern“. Sie lassen sich davon treffen, hinterfragen und korrigieren.
Diese Haltung brauchen auch wir.
Wir sind erstaunlich gut darin, uns an Sünde zu gewöhnen. Stolz, Neid, sexuelle Sünde, Bitterkeit, Menschenfurcht, Geldliebe oder die Art, wie wir über andere reden – irgendwann kann etwas normal erscheinen, nur weil es lange Teil unseres Lebens war.
Gottes Wort ist dann wie eine Warnleuchte im Auto. Die Warnleuchte verursacht das Problem nicht. Sie macht sichtbar, dass etwas nicht stimmt.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie bekomme ich dieses unangenehme Gefühl wieder weg?
Sondern: Bin ich bereit, Gottes Diagnose ernst zu nehmen?
Das gilt auch für eine Gemeinde. Eine evangeliumsgemäße Gemeinde ist keine Gemeinschaft von Menschen, die auf die Sünden anderer herabschauen. Sie ist eine Gemeinschaft begnadigter Sünder, die gemeinsam unter Gottes Wort lebt. Wir bezeugen nach außen nicht, dass wir ja ach so gut sind, sondern, dass wir Sünder sind, die einen großen Retter gefunden haben.
2. Erinner dich an Gottes Gnade
Esra beginnt zu beten:
„Mein Gott, ich schäme mich und scheue mich, meine Augen aufzuheben zu dir, mein Gott; denn unsere Missetat ist über unser Haupt gewachsen.“ (V. 6)
Bemerkenswert ist sein Wechsel vom „Ich“ zum „Wir“. Esra selbst hatte diese konkrete Sünde nicht begangen. Trotzdem stellt er sich nicht selbstgerecht über sein Volk.
Dann blickt er zurück.
Israels Geschichte war von Schuld geprägt. Das Exil war nicht ungerecht gewesen. Israel hatte Gottes Gericht verdient.
Doch mitten im Schuldbekenntnis steht in Vers 8 ein entscheidender Ausdruck: „Nun aber“.
Nun aber hat Gott Gnade erwiesen.
Er hat einen Rest seines Volkes bewahrt. Er hat ihm die Rückkehr ermöglicht. Der Tempel durfte wieder aufgebaut werden. Obwohl Israel untreu gewesen war, hatte Gott sein Volk nicht verlassen.
Gerade das macht die erneute Sünde so erschütternd.
Gottes Gnade macht Sünde nicht harmlos. Im Gegenteil. Erfahrene Gnade lässt uns die Schwere unserer Sünde noch deutlicher erkennen. Israel sündigte nicht, ohne Gottes Güte zu kennen. Das Volk sündigte, nachdem Gott ihm einen neuen Anfang geschenkt hatte.
Das kennen wir auch.
Wir kennen Gottes Wort. Wir kennen seine Geduld. Wir haben Vergebung erfahren – und trotzdem fallen wir wieder in alte Sünden.
Doch das Evangelium lässt uns nicht nur unsere Schuld klarer sehen. Es lässt auch Gottes Vergebung umso herrlicher werden.
Denn Gottes größte Gabe ist nicht Gesundheit, Wohlstand oder ein problemloses Leben. Seine größte Gabe ist Jesus Christus selbst.
Wir haben unseren Schöpfer verlassen und wollten selbst bestimmen, was gut und böse ist. Diese Schuld können wir nicht durch religiöse Leistung oder gute Taten ausgleichen. Deshalb wurde Gottes Sohn Mensch. Jesus lebte das Leben vollkommener Treue, das wir nicht gelebt haben. Am Kreuz trug er freiwillig das Gericht über die Sünde. Am dritten Tag ist er auferstanden.
Darum besteht die christliche Botschaft nicht aus dem Aufruf: „Streng dich mehr an. Werde religiöser.“
Sie lautet: „Kehre um und vertraue Jesus.“
Esra staunte bereits darüber, dass Gott einen kleinen Rest bewahrt hatte. Wir dürfen auf Jesus schauen und über eine noch größere Gnade staunen.
3. Gib Gott recht
Am Ende seines Gebets versucht Esra nicht, Israels Verhalten zu entschuldigen.
Keine Ausreden. Kein Vergleich mit anderen. Kein „Ja, aber …“.
Stattdessen sagt er:
„HERR, Gott Israels, du bist gerecht.“ (V. 15)
Das ist ein entscheidender Bestandteil echter Buße: Gott recht geben.
Wir dagegen sind erstaunlich kreative Anwälte unserer selbst. Wenn wir kritisiert werden, finden wir schnell Gründe, warum unser Verhalten verständlich war. Wir waren müde. Andere waren schlimmer. Unsere Umstände waren schwierig. So schlimm war es doch gar nicht.
Hinter vielen dieser Rechtfertigungen steckt dieselbe Sehnsucht: „Sag mir, dass ich gerecht bin.“
Esra hört damit auf.
Er erkennt Gottes Urteil an und endet mit der erschütternden Feststellung, dass sie wegen ihrer Schuld nicht vor Gott bestehen können.
Damit stellt Esra 9 eine Frage, die sich durch die ganze Bibel zieht: Wie kann ein schuldiger Mensch vor einem heiligen und gerechten Gott bestehen?
Das Exil konnte Israel aus dem Land vertreiben, aber es konnte die Sünde nicht aus Israels Herzen vertreiben. Ein neuer Tempel genügte nicht. Selbst ein Lehrer wie Esra konnte die Schuld nur benennen, aber nicht beseitigen.
Gottes Volk brauchte mehr als einen neuen Anfang. Es brauchte ein neues Herz und einen Retter.
Jahrhunderte später kam dieser Retter.
Jesus Christus stellte sich ebenfalls zu schuldigen Menschen. Jedoch mit einem entscheidenden Unterschied. Er selbst war ohne Schuld. Er liebte seinen Vater vollkommen. Er ist der eine Mensch, der wirklich gerecht vor Gott bestehen kann.
Und gerade dieser Gerechte nahm am Kreuz den Platz von Ungerechten ein.
Paulus schreibt:
„Er hat den, der ohne Sünde war, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit Gottes erhalten.“ (2. Kor 5,21)
Das ist das Evangelium.
Gott erklärt unsere Sünde nicht für harmlos. Er senkt seinen Maßstab nicht. Er bleibt gerecht – und spricht gleichzeitig den Sünder gerecht, der sich Jesus Christus anvertraut.
Deshalb müssen Christen ihre Sünde nicht kleinreden.
Du brauchst keine Ausrede, wenn Jesus deine Gerechtigkeit ist.
Das Evangelium macht ehrliche Buße überhaupt erst möglich. Wenn meine Annahme bei Gott von meiner Leistung abhängt, muss ich mich verteidigen. Wenn Jesus meine Gerechtigkeit ist, darf ich meine Schuld beim Namen nennen.
Vielleicht bist du wieder an derselben Stelle gefallen. Dieselbe Ungeduld, Bitterkeit, Begierde oder Menschenfurcht.
Dann mach deine Sünde nicht kleiner, als sie ist. Aber mach Jesus auch nicht kleiner, als er ist.
Buße ist keine Selbstbestrafung. Kein noch so großes schlechtes Gewissen kann deine Schuld bezahlen. Keine perfekte Woche kann Gottes Annahme zurückverdienen. Wenn du zu Jesus gehörst, beruht deine Annahme bei Gott nicht auf deiner Leistung, sondern auf seinem vollkommenen Werk.
Darum beginnt echter Aufbruch nicht dort, wo wir endlich beweisen, dass wir alles im Griff haben.
Er beginnt dort, wo Gottes Wort den Schimmel hinter der Wand aufdecken darf, wir Gott ohne Ausreden recht geben und mit leeren Händen zu Jesus kommen.
Denn unsere Hoffnung liegt in einem großen Retter.
Zum Weiterdenken
und Austauschen
- Wo hat sich in meinem Leben etwas eingeschlichen, das Gottes Wort klar benennt, das ich aber längst entschuldige, relativiere oder kaum noch wahrnehme? Lest gemeinsam Hebräer 4,12-13.
- Macht mich die Erfahrung von Gottes Gnade sorgloser gegenüber Sünde – oder dankbarer und empfindsamer für sie? Wo könnte ich Gottes Vergebung momentan als Beruhigung benutzen, statt mich durch seine Gnade verändern zu lassen? Lest gemeinsam Titus 2,11-14.
- Wo versuche ich mich vor Gott noch zu erklären, zu vergleichen oder zu rechtfertigen, anstatt ihm schlicht recht zu geben? Was benutze ich im Alltag heimlich als Beweis dafür, dass Gott mit mir zufrieden sein müsste? Wie würde echte Umkehr aussehen, wenn ich völlig sicher wäre, dass Jesus meine Schuld bereits getragen hat? Lest gemeinsam Hebräer 4,15-16.
Die Predigt zum Thema
Du willst tiefer einsteigen? Dieser Blogartikel ist eine Zusammenfassung der Predigt „Kein Aufbruch ohne Umkehr“ über Esra 9 aus der Reihe „Aufbruch – Wenn Gott Neues beginnt“.