Es gibt Wahrheiten, die wir als Christen schnell bejahen und doch im Alltag erstaunlich schwer wirklich glauben. Eine davon ist Gottes Gnade. Natürlich würden wir sagen: Ja, Gott ist gnädig. Ja, er vergibt. Ja, das Evangelium ist die gute Nachricht für Sünder. Und doch leben viele von uns so, als müssten wir uns Gottes Annahme immer noch neu verdienen. Und trotzdem leben wir oft so, als müssten wir uns Gottes Annahme doch noch verdienen. Oder wir behandeln andere so, als stünde ihnen Gnade weniger zu als uns.
Jona 3 führt uns genau an diesen Punkt. Dieses Kapitel ist nicht nur die Geschichte einer Stadt, die Buße tut. Es ist vor allem die Geschichte eines Gottes, der in seiner Gnade beharrlich bleibt: gegenüber einem störrischen Propheten, gegenüber heidnischen Gewalttätern und letztlich auch gegenüber Menschen wie uns. Und es lädt uns ein, Gottes Gnade nicht nur theoretisch zu kennen, sondern neu zu bestaunen.
1. Jonas Geschichte
a) Jona wendet sich (V. 1-3a)
Jona 3 beginnt mit einem bemerkenswerten Satz: „Da geschah das Wort des HERRN zum zweiten Mal zu Jona“ (V. 1). Schon diese wenigen Worte erzählen viel über Gott. Jona hatte Gottes Auftrag bereits einmal empfangen und war davongelaufen. Er wollte nicht nach Ninive. Er wollte nicht der Prophet sein, durch den Gott ausgerechnet einer heidnischen, gewalttätigen Großstadt Gnade anbietet.
Doch Gott ließ ihn nicht los. Er verwirft ihn nicht. Er ersetzt ihn nicht einfach. Er spricht noch einmal. Durch Sturm, Meerestiefe und übernatürliche Rettung führte er Jona an den Punkt zurück, an dem Gottes Wort ihn wieder erreichte.
Und diesmal geht Jona. Er wendet sich vom offenen Ungehorsam zum Gehorsam. Doch Kapitel 4 wird zeigen, wie tief sein Herz noch immer mit Gottes Gnade ringt.
So ist die entscheidende Hauptperson nicht Jona, sondern Gott. Nicht Jonas Treue trägt die Geschichte, sondern Gottes beharrliche Gnade. Gott gibt seinen widerspenstigen Diener nicht auf. Er verfolgt, überführt, züchtigt, rettet und sendet neu. Das ist mehr als eine nette zweite Chance. Es ist die Gnade des Gottes, der seine Pläne nicht an menschlichem Versagen scheitern lässt.
b) Die Niniviten wenden sich (V. 3b-9)
Dann kommt Jona nach Ninive. Die Stadt wird als groß beschrieben, und ihre schreckliche Bosheit ist bis in unsere heutige Zeit bekannt. Jona predigt eine knappe, scharfe Botschaft: „Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört!“ (V. 4).
Was dann geschieht, ist erstaunlich. Die Menschen von Ninive glauben Gott. Sie fasten, ziehen Sackkleider an und demütigen sich. Selbst der König steigt von seinem Thron herunter, legt seinen Mantel ab und ruft zu Buße und Gebet auf. Die Menschen sollen umkehren „jeder von seinem bösen Weg und von der Gewalttat, die an seinen Händen ist“ (V. 8).
Die Haltung der Niniviten ist von Hoffnung getrieben: „Wer weiß, vielleicht wendet sich Gott …“ (V. 9). Diese Menschen berufen sich nicht auf ein Recht, sondern auf Gottes Erbarmen. Buße verhandelt nicht mit Gott, sie wirft sich auf Gottes Barmherzigkeit.
c) Gott wendet sich (V. 10)
Am Ende des Kapitels lesen wir: „Und Gott sah ihre Taten, dass sie von ihrem bösen Weg umkehrten. Und Gott ließ sich das Unheil gereuen … und er tat es nicht“ (V. 10).
Das bedeutet nicht, dass Gott launisch wäre oder seine Meinung wie ein Mensch beliebig ändert. Die Bibel macht an anderen Stellen klar, dass Gott in seinem Wesen unveränderlich und nicht wechselhaft ist. Wenn hier gesagt wird, dass Gott das Unheil „reute“, dann beschreibt der Text Gottes Handeln aus menschlicher Perspektive: Der Gott, der Gericht angedroht hatte, vollzieht dieses Gericht nicht, sondern verschont.
Warum? Nicht weil Sünde plötzlich harmlos wäre. Nicht weil Gottes Heiligkeit weniger ernst wäre. Sondern weil Gott barmherzig ist und weil seine Warnung gerade das Mittel ist, durch das er Menschen zur Umkehr ruft.
Gottes Ziel ist nicht sensationslustige Vernichtung, sondern dass Sünder umkehren. Das passt zu seinem Wesen. Gott hat kein Gefallen am Tod des Gottlosen, sondern daran, dass er umkehrt und lebt.
Jona 3 ist deshalb keine Geschichte über einen unberechenbaren Gott, sondern über einen heiligen Gott, dessen Gnade größer ist, als Jona es wahrhaben will.
2. Gottes Gnade
An diesem Punkt wird deutlich, worum es im Kapitel eigentlich geht. Nicht Jona steht im Zentrum. Nicht einmal Ninive. Im Zentrum steht Gottes beharrliche Gnade.
Diese Gnade wird erst dann groß, wenn wir die Realität der Sünde ernst nehmen. Ninive war nicht bloß moralisch etwas daneben. Die Stadt stand für Gewalt, Hochmut und Bosheit. Wenn Gott solche Schuld richtet, dann ist das nicht übertrieben, sondern gerecht. Gottes Zorn ist kein peinlicher Gegensatz zu seiner Liebe. Er ist der Ausdruck seiner heiligen Güte gegenüber allem, was sein gutes Schöpfungswerk zerstört.
„Sünde macht uns zu Gott-Hassern, zu Gott-Widersetzern, zu Gott-Bekämpfern, zu Gott-Lästerern.
Die Sünde versucht Gott zu entgöttern. Sünde steht im Widerspruch zur Natur Gottes, zum Ebenbild Gottes, zum Willen Gottes, zu den Werken Gottes, zum Volk Gottes, zur Herrlichkeit Gottes und zur Existenz Gottes selbst.“
Doch genau darum leuchtet seine Gnade umso heller. Gott verschont Menschen, die das Gericht verdient haben. Er lässt sich anrufen von Leuten, die keinen Anspruch auf Erbarmen haben. Er sendet seinen Propheten ein zweites Mal. Er lässt seine Warnung noch einmal hören. Er hält die Tür zur Umkehr offen.
Und hier führt Jona 3 über sich hinaus. Denn die größte Frage lautet: Wie kann Gott Sünder verschonen und dabei gerecht bleiben? Die Antwort liegt nicht in Ninive, sondern in Christus.
Gott sandte Propheten. Einmal, zweimal, dreimal, immer wieder. Er sandte sein Wort zu Menschen, die es nicht suchten. Er ließ sie nicht einfach in Ruhe verloren gehen. Und schließlich sandte er nicht nur einen weiteren Boten, sondern seinen eigenen Sohn. Jesus Christus ist das endgültige Wort Gottes. Er ist der „ultimative“ Prophet.
Jona ging widerwillig zu seinen Feinden. Jesus kam freiwillig zu seinen Feinden. Jona kündigte das Gericht an. Jesus trug das Gericht selbst. Jona predigte einer schuldigen Stadt. Jesus weinte über eine schuldige Stadt und ließ sich für Schuldige ans Kreuz schlagen.
Am Kreuz sehen wir die beharrliche Gnade Gottes in ihrer tiefsten Form. Gott wendet sich nicht deshalb vom Gericht ab, weil Sünde letztlich doch nicht so schlimm wäre. Gott übergeht Sünde nicht einfach. Er wendet sich denen in Gnade zu, die glauben, weil sein eigener Sohn das Gericht getragen hat. Gottes Zorn wird nicht ignoriert, sondern gestillt. Seine Gnade ist nicht billig, sondern teuer. Sie kostet das Leben seines kostbaren Sohnes.
Darum ist das Evangelium so groß: Gott bleibt gerecht und rechtfertigt doch den Gottlosen, der an Jesus glaubt.
3. Unsere Antwort
Was ist dann unsere Antwort auf Gottes beharrliche Gnade?
Zuerst: Wir wenden uns zu Gott. Das ist der Kern von Buße und Glauben. Buße bedeutet, Gott recht zu geben über deine Sünde. Glaube bedeutet, Jesus recht zu geben über seine Rettung.
Wir müssen uns nicht erst verbessern, nicht erst ein religiöses Leben aufbauen, sondern dürfen mit leeren Händen zu Gott kommen. Wer seine Schuld erkennt und auf Christus vertraut, findet Vergebung. Nicht wegen der Qualität seiner Buße, sondern wegen der Vollkommenheit von Jesu Werk.
Dann: Wir leben aus Gnade. Viele Christen bekennen das Evangelium und rutschen doch im Alltag wieder in Leistungsdenken zurück. Aber Gottes Liebe ruht nicht auf unseren frommen Erfolgen. Wer in Christus ist, lebt nicht unter Bewährung, sondern unter Gnade. Das macht nicht gleichgültig, sondern frei.
Außerdem: Wir vergeben. Wer selbst unverdiente Gnade empfangen hat, kann anderen nicht als Richter begegnen. Wer selbst von unermesslicher Schuld befreit wurde, kann anderen nicht die Gnade verweigern. Das bedeutet nicht, Schuld zu verharmlosen. Es bedeutet, sie nicht das letzten Wort haben zu lassen. Das Evangelium entwaffnet unseren Stolz und lässt uns barmherziger werden.
Und schließlich: Wir reden von dieser Gnade. Jona wollte Gottes Erbarmen am liebsten begrenzen. Als Gemeinde Jesu sind wir aufgefordert diese frohe Botschaft zu verkündigen. Gerade weil Gottes Gnade nicht verdient werden kann, ist sie eine Botschaft für alle Arten von Menschen: für religiöse, für gescheiterte, für selbstgerechte und für offen gottlose.
Jona 3 ruft uns dazu auf, den Gott zu bestaunen, der in seiner Gnade beharrlich bleibt. Den Gott, der den Ungehorsamen nicht aufgibt, den Gewalttätigen zur Umkehr ruft und in Christus selbst den Weg ermöglicht, wie Schuldige verschont werden können. Ein Gott, der nicht nur einmal gnädig ist, sondern beharrlich gnädig.
Zum Weiterdenken
und Austauschen
- Die Niniviten glaubten und taten Buße für ihre Sünden und zeigten dabei große Trauer (V. 5-8). Wie können wir eine gottgewollte Traurigkeit haben, die zur Buße führt (siehe 2Kor 7,10)?
- Der König fragte in seinem Befehl: „Wer weiß? Vielleicht wird Gott vergeben“ (V. 9). Wie hilft uns das Neue Testament mit Gewissheit zu wissen, dass Gott vergeben wird? Wem vergibt Gott und warum?
- Jona und die Einwohner von Ninive empfingen viel Gnade. Wie können wir als Empfänger von Gnade anderen Gnade weitergeben? Und ihnen helfen, sich der Gnade Gottes in Christus zuzuwenden?
Die Predigt zum Thema
Du willst tiefer einsteigen? Dieser Blogartikel ist eine Zusammenfassung der Predigt „Gottes beharrliche Gnade“ über Jona 3 aus der Reihe „Jona — Gottes grenzenlose Gnade“.